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Das flüssige Land

Das flüssige Land

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Österreichischen Buchpreis 2019 (Shortlist) | Raphaela Edelbauer

Hardcover
2019 Klett-Cotta
Auflage: 4. Aufl.
350 Seiten; 210 mm x 138 mm
ISBN: 978-3-608-96436-3

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Besprechung
"Dieses Buch ist fesselnd, verwirrend und phantastisch - eine Mixtur, wie man sie selten in die Hände bekommt. Wenn ihr in diesem Herbst nur ein Buch lesen dürftet, nehmt dieses! "
Stefan Härtel, booksterhro, 08.11.2019

"Das ist spannend, komisch, bisweilen absurd, tragisch, verblüffend, überraschend und natürlich in jeder Hinsicht abgründig! "
Markus Kranz, DRESDNER, November 2019

"Die Wienerin holt Leichen aus dem Keller - die Vergangenheit kommt hoch."
Peter Pisa, Kurier, 01.11.2019

"Raphaela Edelbauer ist eine beeindruckende und phantastische Parabel gelungen, die den Umgang und die Verdrängungsmechanismen beim Thema nationalsozialistische Vergangenheit mit gruseligem Heimatfilmambiente gekonnt konterkariert."
Arnulf Woock, Neumann, November 2019

"Eine imponierend reife, clever komponierte Geschichte."
Michael Wolf, Neues Deutschland, 20.10.2019

"Es ist ein Roman, der der Tradition der Anti-Heimatliteratur eine innovative Note hinzufügt und beweist: hier schreibt eine, für die Form und Inhalt untrennbar miteinander verbunden sind, eine überdies, die mit einer großen Begabung zu Komik und Groteske ausgestattet ist."
Christian Ankowitsch, 3sat - lesArt, 20.10.2019

"Wie seine Protagonistin saugt dieser Roman auch seine Leser förmlich ein, das dunkle Geheimnis von Groß-Einland zu lüften."
Alois Knoller, Augsburger Allgemeine, 12.10.2019

"Raphaela Edelbauer legt in ihrem Romandebüt Schicht für Schicht ein Stück verdrängter NS-Geschichte frei und setzt Raum und Zeit dabei traumwandlerisch außer Kraft. [...] Unverhohlen bricht Edelbauer gesamtösterreichische Verhältnisse auf die Kleinstebene herunter und inszeniert dafür ein Spektakel."
Senta Wagner, Buchkultur, Oktober 2019

"Edelbauer erzählt großartig, man mag gar nicht aufhören: Als würde Thomas Bernhard "Alice im Wunderland" neu schreiben."
RP Online, 09.10.2019

"Edelbauer [...] offenbart sich nicht nur als Meisterin des Wortes, sondern auch der allegorischen Mystik."
Frauke Kaberka, Dresdner Neueste Nachrichten, 07.10.2019

"Edelbauer winkt manchmal auch mit dem Zaunpfahl in Richtung NS-Vergangenheit, Globalisierung oder Klimawandel, aber sie ist klug und sprachgewaltig genug, die ernste Symbolik immer wieder ironisch zu verflüssigen. ... Bürokratisch umständlich, steif und altfränkisch verschnörkelt, dann wieder verspielt und wortwitzig bringt sie die versteinerten Verhältnisse in Groß-Einland mit Sätzen [...] ins Rutschen."
Martin Halter, Stuttgarter Zeitung, 06.10.2019

""Das flüssige Land" ist ein stark surreales Werk. Ebenso abrupt, wie es einen einsaugt, spuckt es einen wieder aus. Dazwischen liegen 21 atemnehmende Kapitel irgendwo zwischen Fiktion, Historien-Roman und Dystopie, die schwanken machen zwischen Zweifeln und Zustimmung, zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Raphaela Edelbauer brilliert mit ihrer Sprachkunst."
Annte Büttner, sounds&books, 05.10.2019

"Dass der Debütroman der 29- jährigen Österreicherin so spannend zu lesen ist, liegt an der bizarren Mischung von konkreten Schilderungen einer kleinstädtischen, durchaus heutigen Realität und fantastischen Gegebenheiten, die wie Versatzstücke aus einer anderen, vergangenen Welt aufblitzen."
Eva Pfister, Deutschlandfunk, 04.10.2019

"Zum Souveränen, zum Meisterlichen dieser Konstruktion, die keine debüthaften Unsicherheiten erkennen lässt, gehört die äußerst heutige, beherzte, vernünftige, wenngleich - möglicherweise durch ihren recht intensiven Medikamenten-Konsum - etwas unkonzentrierte Erzählerin Ruth."
Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 04.10.2019

"In "Das flüssige Land" [erzählt Raphaela Edelbauer] voller barocker Erzähllust [...] mit ihr behandelt eine junge Autorin noch mal auf sehr eigenwillige Weise ein großes Thema der österreichischen Literatur nach 1945."
Wiebke Porombka, Deutschlandfunk Kultur, 17.09.2019

"Krimihaft spannend, literarisch vielstimmig und anspielungsreich sowie spr

Kurztext / Annotation
"Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur"
Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist)

"Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur"
Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist)

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.

Langtext
"Unheimlich, spannend, aberwitzig und kaum zu fassen - einfach fantastische Literatur"
Jurybegründung Deutscher Buchpreis (Shortlist)

Ein Ort, der nicht gefunden werden will. Eine österreichische Gräfin, die über die Erinnerungen einer ganzen Gemeinde regiert. Ein Loch im Erdreich, das die Bewohner in die Tiefe zu reißen droht. In ihrem schwindelerregenden Debütroman geht Raphaela Edelbauer der verdrängten Geschichte auf den Grund.

Der Unfalltod ihrer Eltern stellt die Wiener Physikerin Ruth vor ein nahezu unlösbares Paradox. Ihre Eltern haben verfügt, im Ort ihrer Kindheit begraben zu werden, doch Groß-Einland verbirgt sich beharrlich vor den Blicken Fremder. Als Ruth endlich dort eintrifft, macht sie eine erstaunliche Entdeckung. Unter dem Ort erstreckt sich ein riesiger Hohlraum, der das Leben der Bewohner von Groß-Einland auf merkwürdige Weise zu bestimmen scheint. Überall finden sich versteckte Hinweise auf das Loch und seine wechselhafte Historie, doch keiner will darüber sprechen. Nicht einmal, als klar ist, dass die Statik des gesamten Ortes bedroht ist.

Wird das Schweigen von der einflussreichen Gräfin der Gemeinde gesteuert? Und welche Rolle spielt eigentlich Ruths eigene Familiengeschichte? Je stärker sie in die Verwicklungen Groß-Einlands zur Zeit des Nationalsozialismus dringt, desto vehementer bekommt Ruth den Widerstand der Bewohner zu spüren. Doch sie gräbt tiefer und ahnt bald, dass die geheimnisvollen Strukturen im Ort ohne die Geschichte des Loches nicht zu entschlüsseln sind.

"Raphaela Edelbauer überschreitet Grenzen und rückt in unerforschte Gebiete der Literatur vor."
Jurybegründung Rauriser Literaturpreis

Das Loch
war von unbekannter Tiefe, Verästelung und Feuchtigkeit. Es zog sich wie ein
unterirdisches Myzel unter den Bergkuppen und Siedlungen durch, brach in
Röhrchen und Netzen an die Oberfläche und schob kontinentaldriftartig das
nervöse Erdreich zu grobkörnig atmenden Halden zusammen, unter denen der
faulige, pilznetzige Verfallsprozess sich eingenistet hatte. Der einzige Segen
war, dass all das so unendlich langsam geschah, dass Generation um Generation sich
die Sorge darum aufgeteilt hatte - und man alibihalber jede Woche Beton in
Schächte kippen konnte und genug Zeit hatte, die zerbrechenden Fensterbretter,
die sich den Absenkungen geschlagen gegeben hatten, zu tauschen, bevor die
Kinder aus der Schule kamen.

Das Ende des Winters und die Schneeschmelze vor
ein paar Monaten hatten in kürzester Zeit die Hälfte der Stadt um über einen Meter
tiefer sinken lassen und die Straßen in einen so desolaten Zustand gebracht,
dass man beim Überqueren meinte, im Morast zu waten. Sämtliche Pflastersteine, die
den historischen Belag der Stadt bildeten, waren von den Absenkungen geradezu
fortgesprengt worden und lagen nun lose auf den Plätzen und Straßen. Zwar hatte
man zwischendurch immer wieder versucht, sie anzubetonieren, doch lösten sie sich,
sobald das Loch durch eine feuchte Nacht auch nur einen Millimeter absackte.
Ganzjährig herrschte akute Rutschgefahr: Wir alle waren Meister darin geworden,
uns dennoch fortzubewegen. Sogar die Greise, normalerweise kaum in der Lage,
auf festem Untergrund im Equilibrium zu bleiben, streckten versiert den
Gehstock von sich, als wären sie auf hohen Seilen unterwegs. Der Hauptplatz war
das Zentrum des Einbruchs: Auf ihm waren die Steine nicht bloß lose, sondern in
der Mitte geradewegs auf einen Haufen zusammengerutscht - trichterförmig fiel
er zum Bildnis des ehemaligen Erzengels hin ab. Dort unten, also am Tiefpunkt
der Parabel, hatte sich im vergangenen Monat der erste Durchbruch ins Bergwerk
ereignet. Dünn wie ein Nadelöhr erst, dann bald faust- und beindick. Ich sah dieseschwarze Leerstelle, von der ich durch meine Berechnungen wusste, dass sie über
der tiefsten Senke des Loches lag, täglich auf meinem Weg zur Arbeit, und
stellte mir vor, wie ein Stein, in diese Auslassung geworfen, hundertfünfzig
Meter in den Berg einfallen würde.

Fortbewegen konnte man sich über den
trichterförmigen Hauptplatz nur mehr auf seinem steinernen Pizzarand. Ich und
die anderen, die es dennoch tun mussten, schoben uns am schmalen Grat neben der
Häuserfront entlang, einander höflich, wie auf einer Einfahrt, den Vorrang lassend
- den Bekannten zuwinkend, wenn sie sich auf der gegenüberliegenden Seite des
Platzes an den Laternen entlanghangelten. Man stand auf derselben Struktur und
war einander dennoch unerreichbar. Ich schob mich mit dem Rücken zur Wand an
der Ostseite des Platzes vorbei, langsamer als sonst, weil um diese Zeit schon eine
Gruppe Volksschüler, vorne und hinten mit Seilen an die Lehrerinnen gespannt,
auf dem Weg zur Schule war. Trotz des desolaten Zustandes ihrer Stadt hatten
die Groß-Einländer frohen Mutes Blumenzwiebeln in die Pflanzkästen gesteckt,
deren ausbrechende Triebe sich nun in meinem Nacken rieben. Es fühlte sich an,
als wäre man stundenlang damit zugange, diesen Platz zu überqueren, dabei
dauerte es nur ein paar Minuten. Das vielleicht Merkwürdigste war überhaupt, wie
sehr der Rhythmus der Einbrüche sich auf das Zeitgefühl aller Groß-Einländer
übertrug: In Wochen, in denen die Einbrüche rasch vor sich gingen, schien die
Zeit zu rasen und man hatte kaum Gelegenheit, die vielen Veränderungen im
Ortsbild zu bemerken, sodass sich in wenigen Momenten die Verwitterung von Jahren
zu ereignen schien. Blieb aber alles konstant, so nahm der Fluss der Dinge fast
eine gewisse Zähigkeit an, und die Monate rollten in belangloser Indolenz über mich.
Ich bemerkte dann kaum, wie ein ganzer Herbst verga

Edelbauer, Raphaela
Raphaela Edelbauer, geboren 1990 in Wien, wuchs im niederösterreichischen Hinterbrühl auf. Sie studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst, war Jahresstipendiatin des Deutschen Literaturfonds und wurde für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage 2018 ausgezeichnet. Beim Bachmannpreis in Klagenfurt gewann sie 2018 den Publikumspreis. 2019 wurde ihr der Theodor-Körner-Preis verliehen.

In Schieflage 24. August 2019
Die österreichische Schriftstellerin Raphaela Edelbauer ist mir letztes Jahr durch ihre Lesung beim Ingeborg Bachmann-Wettbewerb aufgefallen. Sie las eine Story „Das Loch“, das im Zusammenhang mit diesem ungewöhnlichen Roman steht.
Die Protagonistin ist die Physikerin Ruth Schwarz. Sie kommt nach dem Unfalltod ihrer Eltern in deren Heimatort Groß-Einland.
Ruth recherchiert vor Ort über die Vergangenheit, während sie gleichzeitig auf verquere Art Teil der Gemeinschaft wird. Das mischt sich mit dem Willen zum Widerstand, denn hier gab es einmal ein schlimmes Kriegsverbrechen.

Die Autorin lässt sich Zeit, die Geschichte zu entfalten. Man benötigt daher am Anfang etwas Geduld Aber es gibt schon von Anfang an interessante Motive, die einen dabei helfen, zum Beispiel auch das einer Fremden, die in eine geschlossene Gesellschaft eindringt. Dabei geht Ruth aufgrund ihres wissenschaftlichen Backgrounds sachlich vor. Ich bewundere so einige der präzisen Beschreibungen von Raphaela Edelbauer.

Das Gebiet hatte viel Bergbau. Es ist ein Ort des Geschehens, dass von der Gemeinschaft kollektiv verdrängt hat. Zudem ist die Gegend im Untergrund durch viele poröse Schichten beschädigt. Es gibt schon einige treffende Metaphern, die die Autorin gekonnt einsetzt.